Letzte Aktualisierung - 16. Mai 2010 Alte geistliche Musik aus Böhmen Die Fotografien auf dieser Seite: links vom Auftritt des Jeronym 1991 in Aschaffenburg (BRD); rechts von der Teilnahme am Musikfestival Incontri Corali 1991 in Thiene (Italien).
Der Prager Chor Jeronym
Jeronym - Konzerte Im Dezember 1999 war der Jeronym zu Gast in der evangelischen Kirchengemeinde Hõhenkirchen bei Mûnchen, im Frûhjahr 2000 sang der Jeronym in Basel. Die Fotos zeigen den Jeronym im Basler Mûnster und in der Riehener Dorfkirche. Video im Format MPEG (8.5 MB) ist Video 1' 10" zum Herunterladen, andere Fotos in der Fotogalerie - text in Czech.
Die Musik der tschechischen Reformation Die von Jan Hus und von der Prager Universität ausgehende Erneuerung der Kirche und die Auswirkungen der hussitischen Reformation auf das gesamte kulturelle Leben verleihen der tschechischen geistlichen Musik im Rahmen der europäischen Entwicklung ihre besondere Eigenart. Hier in Bõhmen und Mähren nahm die Sehnsucht nach einer Reform der Kirche an Haupt und Gliedern die Gestalt einer breiten Volksbewegung an, die die freie Predigt des Evangeliums in der Sprache des Volkes und die Beseitigung der Mißstände in Kirche und Gesellschaft forderte. Kristallisationspunkt und einigendes Symbol der sehr verschiedenartigen Reformstrõmungen war die Forderung nach dem Laienkelch, der Feier der Eucharistie "unter beiderlei Gestalt". Beim Abendmahl wurde den Worten Christi folgend nicht nur das Brot, sondern auch wieder der Kelch an das gesamte Kirchenvolk ausgeteilt. Dieser Grundsatz der hussitischen Reformation, den hundert Jahre später auch Martin Luther in seiner Lehre vom "allgemeinen Priestertum aller Getauften" ûbernahm, bildete den Ausgangspunkt fûr die Reform des kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens in Bõhmen und Mähren: Den Gottesdienst feierte man nun in der Landessprache, die Predigt des Evangelium wurde wieder fûr alle verständlich, die Meßgesänge wurden von der versammelten Gemeinde oder von den entstehenden Literatenbruderschaften ûbernommen. Und diese Reform machte keineswegs an den Kirchenmauern halt, sondern der Kelch demokratisierte die gesamte Gesellschaft. Daraus wird ersichtlich, warum die hussitischen Reformer die verhältnismäßig hoch entwickelte polyphone Kirchenmusik ihrer Zeit zunächst ablehnten und stattdessen auf die etwa 200 Jahre ältere Musik der Schule von Notre Dame zurûckgriffen. Diese interpretierten sie freilich auf neue, ganz eigentûmliche Weise: Einstimmige und zweistimmige Organum-Gesänge, aber auch einige einfache Motetten wurden von der gesamten Gemeinde "equalis vocibus" - Frauen und Männerstimmen in parallelen Oktaven - gesungen. Diese Entwicklung ist in dem hussitischen Kantionale von Jistebnice von 1420 deutlich dokumentiert: Dieses enthält ûberwiegend Kompositionen, die zur Zeit ihrer Niederschrift bereits anachronistisch wirken mußten, die aber nun nicht mehr der professionellen Interpretation vorbehalten, sondern in den Besitz des Volkes ûbergegangen waren. Diese Interpretation findet noch in den Kantionalen am Anfang des 16. Jahrhunderts ihren Nachhall. Hier ist vor allem das Kantionale zu erwähnen, das der Kûrschner Jan Fránus im Jahre 1505 fûr den Chor in Kõniggrätz schreiben ließ. Aber selbst unter den weihnachtlichen Gesängen des Raudnitzer Kantionale von 1591 finden sich neben der monumentalen utraquistischen Messe auch einfache fûr das Volk bestimmte Kompositionen. Etwa seit den vierziger Jahren des 15. Jahrhunderts entstanden dann die sogenannten Literatenbruderschaften: Vereinigungen von lesekundigen Handwerkern und Stadtbûrgern, die auf verhältnismäßig hohem Niveau die Kloster- und Kirchenchõre des katholischen Ritus ersetzten. So gibt es beispielsweise eine Motette, deren Cantus firmus im Diskant liegt und offensichtlich von der gesamten Gemeinde gesungen wurde, während die Sänger auf der Empore das Lied polyphon begleiteten. Vor allen den Literatenbruderschaften ist es zu verdanken, daß Anfang des 16. Jahrhunderts in den tschechischen Kantionalen auch Anklänge an die niederländische Polyphonie begegnen, die jedoch in ihrer Melodik wie in der polyphonen Bearbeitung võllig von tschechischen Bedingungen ausgehen. Ende des 16. Jahrhunderts erhielt die tschechische Musik neue Impulse durch die aufkommende Renaissance. Diese Entwicklung der evangelischen Kirchenmusik - vertreten schon durch eine Reihe bedeutender Komponistenpersõnlichkeiten - wurde durch die gewaltsame Rekatholisierung nach der Schlacht am Weißen Berg abgebrochen.
Geschichte
Der Prager Chor Jeronym.Der nach dem tschechischen Reformator Jeronym (Hieronymus von Prag) benannte Amateurchor wurde 1921 in der evangelischen Kirchengemeinde Praha-Žižkov gegründet und hat zur Zeit etwa 30 Sängerinnen und Sänger aller Altersgruppen. Unter der erfahrenen Leitung von Prof. Jiøí Kolafa beschäftigen wir uns in erster Linie mit der tschechischen geistliche Musik des 14. bis 17. Jahrhunderts. Das etwa 150 Kompositionen umfassende Repertoire reicht von einstimmiger Gregorianik bis zu vierstimmiger Polyphonie überwiegend aus den tschechischen Kantionalen der Reformationszeit: Raudnitz, Sedlèany, Königgrätz sowie das Kantional von Franus. Der Jeronym tritt in Gottesdiensten und öffentlichen Konzerten meist ohne Instrumentalbegleitung, gelegentlich mit Kammerorchester oder Orgel auf. Die historische Aufnahme stammt vom Auftritt des Jeronym mit seiner langjährigen Dirigentin Prof. Vladimíra Cihláøová am 5. Juni 1952 in Nové Mìsto nad Váhom (Slowakei).
Jiøí Kolafa Jiøí Kolafa (1930 - 2001) war Absolvent des Prager Konservatoriums und der Prager Musikhochschule (Klavier, Komposition, Orgel und Chorleitung). Zu seinen zahlreichen Kompositionen gehõren vier Oratorien, Kammermusik, fûnf Liederzyklen, ûber 300 Bûhnen-, Film- und Fernsehproduktionen im In- und Ausland. Neben Tonaufnahmen, praktischer Chorleitung und musikwissenschaftlichen Arbeiten lehrt Jiøí Kolafa seit den 60er Jahren an der Prager Musikakademie (Fakultäten fûr Theater- und Filmwissenschaft). Den Jeronym leitet er seit 45 Jahren. Am 26. Februar 2001 feierte unser Dirigent Jiøí Kolafa seinen siebzigsten Geburtstag. Anläßlich einer ganztägigen Chorprobe ûberreichten ihm die Sängerinnen und Sänger des Jeronym ein eigenartiges Geschenk. Vielleicht gelingt es ja mit dieser Ausrûstung, den notorisch undisziplinierten Chor auf Vordermann zu bringen und die Konzertreise nach Basel vorzubereiten... Fûr die Zukunft wûnschen ihm alle Gesundheit und Energie, Mut und Geduld, Lebensfreude und das, was sich keiner selbst erkämpfen kann: Gottes Segen.
Jiøí Kolafa: Warum ein Amateurchor? Und wieso ausgerechnet der Jeronym? Ich denke, mit dem Singen ist es wie mit jeder anderen menschlichen Tätigkeit. Man sollte sich zuerst gründlich überlegen, was man tut, für wen man es tut, mit wem (soweit es sich um ein kollektives Unternehmen handelt) und wie. Was? Meine Antwort ist eindeutig - Qualität. Es ist interessant, daß die Kompositionen aus den alten Kantionalen des 15.-17. Jahrhunderts, obwohl sie an die Sänger beträchtliche Ansprüche stellen, trotzdem fast ausschließlich von Amateurchören aufgeführt wurden. Wir nehmen uns keine umfangreichen Werke vor, aber auch so finden sich genügend bedeutende Kompositionen, die wir uns zutrauen können. Überdies kann man an den Werken der alten Kantionale etwas lernen von einer wirklichen, nicht sentimentalen "Religion in der Musik". Wir sind also keine Liebhaber des Antiquierten, wir fliehen nicht vor der zeitgenössischen Musik. Doch wir sind überzeugt, daß es notwendig ist, das Zeugnis der Väter an die Gegenwart weiterzugeben, weil es sich tatsächlich lohnt. Dies ist der Grund für die besondere Ausrichtung unseres Repertoires. Für wen? In erster Line für den Gottesdienst, sei es in Form besonderer "hussitischer Messen" oder als konzertante Einlage. Im Jeronym singen wir nicht deshalb, weil wir unser Können öffentlich präsentieren wollen, sondern um das Schöne, was wir selbst beim Studium in den Kompositionen entdeckt haben, unseren Zuhörern mitzuteilen. Und dazu singen wir eben das, wofür unsere Fähigkeiten ausreichen. Mit wem? Mit jedem, der nur ein Mindestmaß an Musikalität besitzt, aber bereit ist, sich persönlich zu engagieren und die nötige Disziplin aufbringt. Denn das Ziel ist musikalische Qualität, und das geht ohne eine gewisse Disziplin eben nicht. Unser Grundsatz ist: Jeder soll singen, der Lust hat und unsere gemeinsamen Regeln akzeptiert - freiwillig und bewußt. Wie? Will man ein bestimmtes Qualitätsniveau erreichen, dann kommt man nicht ohne gesangliche Technik aus. Die Stimmbildung folgt im Jeronym einem festen Programm. Das Rückgrat für dieses Training sind unsere jährlichen Ferien-Seminare (in der Regel in der ersten Juliwoche). Wenn also der Jeronym heute zu denjenigen Amateurchören gehört, die über Jahrzehnte hinweg systematisch arbeiten, dann nicht deshalb, weil er über besseres Stimmenmaterial oder bessere Arbeitsmöglichkeiten verfügt, sondern deshalb, weil wir trotz aller menschlichen Schwierigkeiten und Hindernisse wissen, warum wir singen, und auch wissen, daß wir beim Singen immer noch ein wenig dazulernen können. (Prag, 1971)
Haig Utidijan
Haig Utidjian
studierte an der University of Sussex (1985- 1988), am
Imperial College, an der University of London (1988-1989), am
Pembroke College, an der University of Cambridge (1989-1994) sowie an
der Guildhall School of Music and Drama in London (1994-1995). Nach
der Auszeichnung mit dem "Bob-Harding- Stipendium fûr junge
Dirigenten" (1995-1996) und postgradualen Studien an der Prager
Musikakademie AMU (1998-2000) wirkt er inzwischen als Dirigent einer
ganzen Reihe von Orchestern und ûberwiegend in Tschechien. Haig
Utidjian leitete und leitet unter anderem das Internationale Prager
Jugendorchester (1999-2000), das Nordbõhmische Kammerorchester (seit
2000), den gemischten Chor Slavoš in Beroun (seit 2001), das
Kammerorchester der Prager Hochschule fûr Wirtschaft (seit 2001) das
Kammerorchester der Karlsuniversität (seit 2001) und den kirchlichen Chor Jeronym in Prag-Žižkov (Januar
- Dezember 2002).Weitere Details (vorwiegend in englischer Sprache) finden Sie auf der Webseite von Haig Utidjian .
Digitalisierte Tonaufnahmen
Diese WWW-Seiten sind auf folgenden Servern aufgeführt: Pìvecký sbor Scandula Sbor ÈCE - Libèice nad Vltavou Schola Gregoriana Pragensis založená Davidem Ebenem
Týnský duch , aneb sbor chrámu Panny Marie pøed Týnem v Praze Soubor ADASH, hebrejské písnièky, ukázky ke stažení v MP3
Icons für WebMasters:
Zahl der Zugriffe auf diese Seite seit dem 25. August 1999:
|