Allgem. Information - Zeitschrift

Leonardo Boff:
Befreiungstheologie und Globalisierung


CFK Themen - Englische Übersetzung

Globalisierungsprozesse prägen die Welt, in der wir leben. Darum fordert die Globalisierung auch die Theologie, Ökonomie und alle, die sich für den Frieden einsetzen, heraus. In diesem Zusammenhang veröffentlichen den folgenden Aufsatz von Leonardo Boff, Professor für Ethik und Philosophie der Religion an der staatlichen Universität von Rio de Janeiro. Leonardo Boff ist laisierter Franziskaner-Priester und Verfasser von mehr als 40 Büchern über Befreiungstheologie. Der vorliegende Beitrag wurde für die Dritte-Welt-Nachrichtenagentur Inter Press Service (IPS) geschrieben, der wir für die Überlassung des Textes herzlich danken.

Die Befreiungstheologie stellt sich als neue Herausforderung der Macht und dem Einfluß der heute galoppierenden und intransigenten Globalisierung entgegen. Die Fahrt in Richtung Globalisierung begann 1592, als Ferdinand Magellan die Welt umsegelte. Seit damals hat die Welt einen schrittweisen Prozeß der Verwestlichung durchgemacht. Die westliche Kultur setzte mit Wissenschaft und Technologie erfolgreich ihre Betrachtung der Natur durch, ihren Weg, die Gesellschaft zu organisieren (repräsentative Demokratie), ihre Sicht der menschlichen Person (die unveräußerlichen Rechte des Bürgers) und ihre Art des Gottesverständnisses (Christentum).

Dieser Prozeß verlief nicht friedlich. Der größte Ethnozid der Geschichte fand während der spanischen Invasion in Mexiko und Peru statt. Afrika wurde kolonialisiert und die vorhandenen Strukturen wurden komplett zerstört. Der Ferne Osten wurde durch die militärische und ökonomische Stärke des Westens massiv beeinträchtigt. Das war die Eisenzeit des Globalisierung. Aber sie legte die Grundlagen für die Globalisierung, die wir heute erleben und die sich in den wirtschaftlichen, politischen und spirituellen Sphären der menschlichen Existenz manifestiert.

Wirtschaftliche und politische Prozesse gehen Hand in Hand. Der Westen hat die Völker der Welt praktisch gezwungen, sich in Nationalstaaten zu organisieren. Die Demokratie ist in die Seele fast aller Länder eingesickert - entweder als ein universeller Wert in den menschlichen Beziehungen oder als eine Form der Organisation der Staatsmacht. Aber Demokratie kann nur in einer Atmosphäre des Respekts und der Förderung der kollektiven Menschenrechte funktionieren. Menschenrechte wiederum setzen ein Verständnis der Menschen als Zweck in sich selbst und niemals als Mittel zu einem Zweck voraus. Im Lichte der universellen Gültigkeit der Menschenrechte muß alle Macht an eine Verfassung gebunden und von den Menschen oder ihren Vertretern kontrolliert werden. Die großen Weltkriege - und vor allem der Golfkrieg von 1991 - haben die entgegengesetzte Wirkung des Globalisierungsprozesses illustriert.

Drei Faktoren haben die Globalisierung zu einer unübersehbaren Realität gemacht: der Kommunikationsprozeß; die Bedrohung durch die nukleare Zerstörung und die Sorge um die Ökologie der Erde. Der ökologische Alarm wurde 1972 vom Club of Rome ausgelöst, als er berichtete, daß der von der Menschheit gewählte Typus der industriellen Entwicklung einen systematischen Angriff auf die Natur, eine Erschöpfung der nicht-erneuerbaren Ressourcen und eine gigantische Verschlechterung der Lebensqualität für alle Wessen beinhaltet. Wir haben nun konkrete Beweise für den Ökozid (Zerstörung des Ökosystems), den Biozid (die Ausrottung von Arten von Lebewesen) und den Geozid (Zerstörung der Erdatmosphäre).

Globalisierung kann sich aber auch im Bereich der Spiritualität manifestieren. Ökonomische, politische und soziologische Faktoren geben einer anderen Determinante der Globalisierung Auftrieb: ein neues planetarisches Bewußtsein, daß wir mitverantwortlich und mitrechenschaftspflichtig für unser gemeinsames Schicksal sind, für das Schicksal aller Lebewesen und der Erde.

Die Befreiungstheologie fragt: Wo passen die Armen in den Globalisierungsprozeß hinein? Ökonomisch betrachtet gehorcht die Globalisierung den Bedürfnissen des Kapitals, für das die private Aneignung von Profit und die Maximierung des Ertrags an oberster Stelle steht. Als Folge führt die ökonomische Globalisierung zum Ausschluß der Massen. Zwischen 1965 und 1990, als sich der Globalisierungsprozeß zu beschleunigen begann, verzehnfachte sich der globale Wohlstand, während sich die Weltbevölkerung nur verdoppelte. Und während dieser Periode stieg der Anteil der reichen Länder am weltweiten Wohlstand von 68 auf 72 Prozent, während ihr Bevölkerungsanteil von 30 auf 23 Prozent zurückging.

Solche Verzerrungen machen klar, daß dieser Typus des Marktes grundlegend anti-sozial ist. Er produziert nicht in Übereinstimmung mit den menschlichen Bedürfnissen, sondern nach den Bedürfnissen des Marktes selbst. Die Befreiungstheologen sind nicht gegen einen Markt, der eine zentrale Institution in einer modernen Gesellschaft ist, aber wir können einen Markt nicht akzeptieren, der für die Mehrheit der Menschheit tödlich ist. Wenn der Welthunger weiter zunimmt, müssen wir die Natur der Weltwirtschaft ändern, um zu überleben, und wir müssen lernen, sie nicht nur in Begriffen des materiellen Wachstums zu betrachten, sondern als ein Mittel, um die Bedürfnisse aller Menschen und der anderen Schöpfungswesen zu befriedigen.

Politisch gesprochen hat die Befreiungstheologie ernsthafte Vorbehalte in bezug auf eine Homogenisierung der Menschheit durch die Verallgemeinerung der westlichen Werte. Unsere Aufgabe ist es, multikulturelle und multireligiöse Gesellschaften zu unterstützen und ihre verschiedenen Formen sozialer und politischer Organisation zu respektieren, die sich auf ihre jeweiligen Kulturen gründen. Die wichtigste Herausforderung ist es, Formen der Koexistenz zu nähren, die niemanden ausschließen.

Theologen sind überzeugt, daß nicht nur die Unterdrückten, sondern alle Menschen befreit werden müssen. Wir alle sind durch ein Paradigma versklavt, das uns zu Feinden der Natur macht und uns von ihr trennt. Nicht nur die Armen, sondern die Erde schreit ihren Protest heraus gegen die systematische Gewalttätigkeit gegen sie. Die Befreiungstheologie verlangt dringend die Wiederentdeckung des geheiligten Charakters der Erde und der Bewahrung der spirituellen Tradition der unterdrückten Kulturen, die im allgemeinen die Erde als die "Große Mutter" verehren. Diese Geisteshaltung könnte helfen, Grenzen zur modernen Habgier zu ziehen und neue Gotteserfahrungen möglich zu machen, die den westlichen Dualismus zwischen Gott und Welt, Seele und Körper, Weiblichem und Männlichem überwinden könnten.

Nur ein Christentum, das die Bündnisse mit den Mächten dieser Welt aufbricht, ihre Einverleibung in die westliche Kultur relativiert und die Sache der Geschundenen der Erde - jetzt zwei Drittel der Menschheit - aufgreift, wird in der Lage sein, sich auf das Erbe Jesu zu berufen. Ein Christentum der Herrschaft ist für die Globalisierung ohne Nutzen. Was gebraucht wird, ist ein befreiendes Christentum, das hilft, eine Form der Globalisierung zu schaffen, die Harmonie in der Verschiedenheit sucht, nicht nur in ökonomischer, politischer und kultureller Beziehung, sondern auch in religiöser.

(abgedruckt in "CFK-Information 492", übernommen aus "Kritisches Christentum" Nr.225, Februar 1999, deutsche Übersetzung: Adalbert Krims)