Maria - Zeugin des Glaubens Markus Huck, Odessa Einleitung M aria scheint in der evangelischen Frömmigkeit keine große Rolle zu spielen. Und tatsächlich führte die von den Reformatoren geforderte Christozentrik (''solus Christus``) in weiten Kreisen zu einer Entfernung von der Gottesmutter. Immerhin aber wird der Name Marias bei jedem Gottesdienst im Glaubensbekenntnis genannt. Als Glaubenszeugnis ist das Credo zugleich aber auch Verkündigung. Darüber hinaus lädt das Schriftprinzip (''sola scriptura``) auch den evangelischen Christen ein, den berühmten Lobgesang Mariens, das sogenannte `Magnifikat', zu beten und geistlich nachzuvollziehen. Auch das Weihnachtsfest bringt dem evangelischen Gläubigen die Gottesmutter nahe. Denn das Geheimnis der göttlichen Menschwerdung ist nun einmal nicht ohne die menschliche Mutter Jesu zu denken. Weihnachtspredigten kommen um Maria nicht herum: erstens, weil in ihrer Gottesmutterschaft das unbegreifliche und deshalb immer anstößige Mysterium der Inkarnation verankert ist, und zweitens, weil in der Jungfrau exemplarisch das einzig richtige Verhalten des Menschen gegenüber dem Angebot der göttlichen Gnade aufscheint. In den beiden entscheidenden Heilsereignissen, wo der rechtfertigende Glaube Christus ergreift, finden wir Maria neben ihrem Sohn: bei der Menschwerdung und unter dem Kreuz. Von daher wird deutlich, daß sie eine besondere Rolle für den Glauben spielt. Das inkarnatorische Prinzip G ott ist in Jesus Christus Mensch geworden. Gerade deshalb wendet sich die Frömmigkeit der alten Kirche Maria zu. Sie bürgt als Mutter für die wahre menschlichen Natur Jesu Christi. Paulus lehrt uns, daß die Kirche der mystische Leib Christi, also gewissermaßen die Fortsetzung oder Ausdehnung seiner menschlichen Natur ist. Demzufolge gehört Maria eben auch zur Kirche als deren Urbild und geistliche Mutter. Evangelische Theologie dagegen betont, daß Gott sich dem Sünder endgültig in Jesus Christus zugewandt hat. In Ihm ist der barmherzige Gott unmittelbar nahe. Der persönliche Glauben ergreift ihn. Für den einzelnen Menschen kann aber keine andere Person diesen Glauben ersetzen, auch Maria nicht. Deshalb bedeutet jede Ablenkung von Jesus auch eine Entfernung von Gottes Gnadengegenwart. Der Mensch vermag aus eigener Kraft nichts zu seinem Heil beizutragen. Er ist ganz und gar auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesen. Der Glaube aber empfängt wie eine leere Hand voll kindlichen Vertrauens das Geschenk Gottes, das er in der Hingabe seines Sohnes am Kreuz gemacht hat. Gottes Herrlichkeit liegt gerade darin, daß er sich erbarmend herabneigt. Deshalb verletzt man nach evangelischer Auffassung die Ehre Gottes, wenn man das Heil in menschlichen Leistungen oder Eigenschaften sucht. Diese strikte Auffassung schließt auch Maria ein. Hier greift das evangelische Verständnis der Rechtfertigung. Auch Maria kann durch ihre Verdienste nicht für einen Sünder bei Gott eintreten, nicht weil Gott nicht auf sie schauen wollte, sondern deshalb, weil Jesus Christus, Gottes eigener Sohn, selbst mit seinem Blut für uns vor Gott dem Vater steht. Er ist uns also in seiner Menschheit auch im Himmel, zur Rechten Gottes sitzend, nahe. Kurz: Der gnädige und barmherzige Gott ist in Jesus Christus gegenwärtig. Warum also ausweichen auf Maria oder Heilige? Für evangelisches Empfinden würde das geradezu eine Beleidigung Gottes bedeuten, der sich in Jesus selbst zu uns herab erniedrigt hat. Und diese Erniedrigung bleibt ja durch das Menschsein Jesu, das er auch zur Rechten Gottes nicht abgelegt hat, erhalten. Wir würden den niedrigen Gott, sprich deutlich: die Torheit Gottes ablehnen, indem wir die hohen religiösen Vorzüge der Heiligen verehren. Wir suchen Gott oben, wo wir gerne mit unseren religiösen Leistungen und Verdiensten stünden, während er selbst doch in Jesus Christus ganz unten zu finden ist. Ein Umweg über Maria erübrigt sich, weil tiefer als Gott sich erniedrigt hat, selbst Maria nicht hinabsteigen könnte. So nahe wie Gott uns in Jesus Christus gekommen ist, kann uns kein Heiliger sein. Maria als Zeugin des Glaubens D arf der evangelische Christ sich der Gottesmutter also nicht zuwenden? Martin Luther schließt seine berühmte Auslegung des Magnifikat aus den Jahren 1520/21 mit folgenden Worten: Wir "bitten Gott um rechtes Verstehen dieses 'Magnificat', das nicht allein leuchte und rede, sondern brenne und lebe in Leib und Seel; das verleihe uns Christus durch Fürbitte und Willen seiner lieben Mutter Maria. Amen." Der Reformator ruft also selbst Maria als ''Fürbitterin`` an. Er weiß sich mit ihr in der Gemeinschaft der Heiligen verbunden. Freilich konnte er es nicht in dem Sinne verstehen, daß Maria bei Gott ihre Verdienste als ''Heiligste aller Frauen`` für uns geltend macht. Auf diese Weise würde sie als Gnadenmittlerin auftreten. Zwischen Gott und uns vermittelt aber nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift nur ein einziger, nämlicher unser Herr und Heiland Jesus Christus: ''Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Und er ist die Versöhnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.`` Die Heilige Schrift nennt mit demselben Wort ''Parakletos`` noch einen weiteren Fürsprecher, den Heiligen Geist, aber eben nicht Maria. Das Zeugnis des Heiligen Geistes Das Thema ''Maria - Zeugin des Glaubens`` ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern unmittelbar durch die Schrift, genauer gesagt durch den Heiligen Geist vorgegeben. Martin Luther behandelt diesen Aspekt in seiner Predigt zum Fest Mariä Heimsuchung vom 2. Juli 1535. Zunächst einmal ist Maria sowohl der Seele als auch dem Leibe nach der Ort, an welchem das höchste göttliche Wunder geschieht. Die Jungfrau spricht das Wort des Glaubens: ''Mir geschehe, wie du gesagt hast!`` Daraufhin ist Christus sofort wahrer Gott und wahrer Mensch. Damit verbindet sich in Maria die Erkenntnis, daß sie wirklich Muttergottes ist. Genauso wie Elisabeth wird sie durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes zur Zeugin berufen, daß Gott seinen Sohn hat Mensch werden lassen. Sie gibt dieses Zeugnis in ihrem berühmten Lobgesang, dem Magnifikat. Elisabeth aber hält die erste Predigt auf Erden, da sie bei der Begegnung mit Maria ausruft: ''Woher kommt mir das, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt?`` Damit bekennt und verkündet sie ja, daß Maria die Mutter Gottes, Gott also Mensch geworden ist. Nun hätte die Jungfrau den Glauben nicht wahrhaft bezeugen können, hätte sie ihn nicht selbst vorbildlich gelebt. Auf den Glauben Marias weist Elisabeth im Heiligen Geist prophetisch hin: ''Selig bist du, die du geglaubt hast!`` Hier bezeugt der Geist Gottes selbst den Glauben der Jungfrau. Denn woher sonst sollte denn Elisabeth von dem Gespräch zwischen Maria und dem Engel Gabriel gewußt haben? Wie der rechtfertigende Glaube aussieht, das zeigt sich also in Maria bei der Menschwerdung Gottes. Denn wie kein Mensch ohne den Glauben gerecht wird, so wäre auch der Sohn Gottes nicht ohne einen Akt des Glaubens Mensch geworden; denn überhaupt nur der Glaube kann den herabsteigenden Sohn Gottes empfangen. Insofern ist die Jungfrau Maria die Lehrerin und die Kammer zu Nazareth eine Schule des rechtfertigenden Glaubens. In nuce ist das Geheimnis der Rechtfertigung im Ereignis der Menschwerdung ganz und gar enthalten: Das Kreuz ist schon in der Niedrigkeit Marias vorausgedeutet, die sie selbst in ihrem Lobgesang bezeugt. Hier scheint die Torheit des Kreuzes zum ersten Mal deutlich auf. Die Verkündigung an Maria: Der wahre Glaube In einer Predigt vom 25.3.1522 (Fest Mariä Verkündigung) zeigt Luther am Beispiel Marias, die dem Wort des Engels Gabriel mehr Vertrauen schenkt als dem gesunden Menschenverstand, wie der Glaube, der den Menschen gerecht macht, aussieht. Ihr Verstand und die allgemein gültige Erfahrung halten Maria die Tatsache vor, daß sie keinen Mann hat. Wie soll sie also ein Kind empfangen? Diese Frage stellt sie auch ganz offen. Genauso hält uns derselbe gesunde Menschenverstand entgegen: Wie soll Gott mit dir etwas Neues anfangen? Schau dich doch an! Ist etwas Himmlisches an dir? Was hast du nicht Böses getan, und wenn nicht getan, dann gesagt, und wenn nicht gesagt, so doch wenigstens gedacht! Du bist verloren. Wie aber reagiert Maria? Sie glaubt dem Wort Gottes, das dieser ihr durch den Engel sagen läßt, mehr als dem offensichtlichen Urteil ihres gesunden Menschenverstandes. So soll auch der Christ dem Liebeswort Gottes mehr Vertrauen schenken als dem Urteil des eigenen Gewissens oder anderer Menschen. Der Glaube läßt alle sichtbaren Dinge der Welt, auch das Gefühl und jede allgemein gültige Meinung fahren und hängt sich ausschließlich an das Wort Gottes. In der Festpredigt vom 25.3.1528 betont der Reformator noch einen besonderen Aspekt. Gerne nehmen wir an, daß andere es besser haben als wir. Sie sind frömmer und werden leichter selig. Aber die Jungfrau Maria zweifelt keinen Augenblick, daß der Engel mit seiner Botschaft wirklich sie meint. Sie denkt nicht, daß eine andere Frau vielleicht frömmer und würdiger wäre, den Sohn Gottes zu empfangen. Demütig akzeptiert sie: Gott hat mich ausgewählt. Mir geschehe nach seinem Willen. Genauso bezieht der richtige Glaube die Verheißungen des Evangeliums auf sich. Ich bin gemeint gerade deshalb, weil ich die Barmherzigkeit Gottes am dringendsten brauche. Glaube hat also mit einer falschen Demut, die nur das eigene Versagen im Blick hat, nichts zu tun. Wahre Demut nimmt sowohl die eigene Schwäche und Niedrigkeit als auch die Barmherzigkeit Gottes an. Hinter geheuchelter Demut aber versteckt sich in Wirklichkeit der Stolz, vor Gott in eigener Heiligkeit glänzen zu wollen. Mariä Heimsuchung: Das Werk der Liebe An der Jungfrau Maria können wir nicht nur ablesen, was richtiger Glaube ist, sondern auch, wie die Liebe sich mit dem Glauben verbindet. Denn einen Glauben ohne Liebe gibt es nicht. Liebe ist nicht Gefühl, sondern Tat. Darauf weist Luther in seiner Predigt vom 2.7.1535 zum Fest Mariä Heimsuchung hin. Maria hat ihre hohe Berufung erkannt und anerkannt. Aber das läßt sie nicht hochmütig werden. Weit davon entfernt, sich bedienen zu lassen, dient sie selbst als Kindsmagd. Zu Fuß macht sie sich auf den ungefähr drei Tage langen, beschwerlichen Weg hinauf ins judäische Gebirge, um ihrer Tante Elisabeth bei der Geburt ihres Kindes tatkräftig beizustehen. Maria, die Zeugin des Glaubens, wird zu Maria, der Zeugin dienender Liebe. Das gehört untrennbar zusammen. Das Magnifikat: die echte christliche Demut I n seiner Magnifikat-Auslegung von 1520/21 unterscheidet Martin Luther am Beispiel Mariens zunächst noch einmal die wahre von der falschen Demut. Es gibt eine Demut, die gerne mit niedrigen Dingen umgeht, dient, hilft, sich arm gibt und kleidet in der Erwartung, dafür bei Gott und den Heiligen hoch angesehen zu sein. Das nennt Luther eine ''gemachte`` Demut. Wir ergänzen: eine von Menschen gemachte und nicht von Gott geschaffene. Sie ist ohne Wert, denn unter ihrer Gestalt verkleidet sich in Wirklichkeit nur geistlicher Stolz. Wenn Maria aber sagt, daß Gott ihre Niedrigkeit angesehen hat, so ist das wortwörtlich gemeint: Sie war armer Eltern Kind, welches die Nachbarn nur als eine geringe Hausmagd genommen haben, der man sagt, was ihm Haushalt zu tun ist, und erwartet, daß sie es tut. Gott hat mit Bedacht diesen Weg gewählt, damit kein Zweifel aufkommen kann, daß die Errettung auf kein Verdienst und auf keine Würdigkeit des Menschen zurückgeht. Gottes Wesen ist es, sich herabzuneigen und nach unten zu schauen. Er erniedrigt, bevor er erhöht; was er gut machen will, das zerstört er vorher (Jeremia 18, 18 ff.), was er hochheben will, das stürzt er zuerst herunter und macht es ganz arm. So singt ja Maria auch selbst. Deshalb, so schließt Luther, muß sie in Jammer und Not gewesen sein. Er nimmt sogar an, daß sie zu der Zeit ein armes Waisenkind gewesen ist und nennt sie ein ''verlassenes und verworfenes Aschenbrödel``. Wenn Maria in ihrem Lobgesang dieses Tun Gottes über mehrere Verse mit immer neuen Worten beschreibt, so war sie ganz bestimmt selbst zutiefst davon betroffen. Und jetzt spricht Maritn Luther Maria voller Liebe und Zuneigung an: ''Wie bist du doch arm und verachtet gewesen! Gott aber hat dich so gnädig angesehen und so große Dinge an dir gewirkt. Seine Gnade erhebt sich weit über dein Verdienst, sie fließt in dir über und über, so daß man es gar nicht begreifen kann.`` Gottes herabneigende Barmherzigkeit und Allmacht fügen sich mit Marias Niedrigkeit und Armut zusammen wie der Schlüssel mit dem passenden Schloß. Unsere Not und Hilflosigkeit sind der Schlüssel, welcher den Himmel aufschließt, nicht unsere Werke. So finden wir Trost, wenn wir auf Maria schauen. Denn uns macht Gott durch Leiden und Nöte auch so niedrig wie die Jungfrau, und ihr geht es nicht anders als uns. Das Kreuz weist also auch in unserem Leben darauf hin, daß Gott auf unsere Niedrigkeit mit Erbarmen herabschaut; denn er ist nun einmal ein Gott, der sich zum Staub herabbeugt, die Stolzen aber von ferne sieht. Auch wenn Gott Maria so hoch erhoben hat, daß sie wahrhaft seine Mutter geworden, so macht er sie doch nicht reich und angesehen; er gibt ihr keine Ketten an den Hals und kein Geld in den Beutel. Er selbst wird in Jesus Christus Bettler mit ihr. Er läßt sie in der Niedrigkeit und bleibt selbst bei ihr dort unten. Luther spricht unmittelbar seine Hörer an: ''Darum soll niemand erschrecken, wenn er hart erzogen wird, elend und verachtet ist. Es ist kein böses Zeichen. Sieh das Exempel Marias an. Was hat Gott aus ihr gemacht! Und da sie den Sohn hatte, hat das Elend nicht aufgehört. ... Und am Ende wurde er gekreuzigt vor ihren Augen. ... Wie viel Haß und Neid hat sie ertragen, wenn sie von Christus hörte, wie über ihn gelästert wurde, wenn er predigte! Was er ertragen hat, das hat sie auch ertragen. Der Text sagt's, daß es elend und jämmerlich mit ihr zuging von Jugend auf. ... Man wird sie öffentlich eine Hure genannt haben [weil sie doch ein uneheliches Kind hatte. Anmerkung des Verfassers.]`` Der Reformator fordert also die Gläubigen auf, direkt auf Maria zu schauen. Hier greift der alte mariologische Grundsatz: Was Christus gelitten hat, das leidet Maria mit. Die sogenannte ''compassio`` (das Mitleiden) Marias wird bei Luther freilich nicht in ein Mitverdienen Mariens an der Erlösung ausgeführt. Aber jenen Grundsatz seiner Rechtfertigungslehre, den man gerne immer wieder verdrängt, macht Luther gerade an der Gottesmutter deutlich: Wir müssen mit Christus gekreuzigt werden, anders kann uns die Frucht des Kreuzes, die Vergebung der Sünden, nicht zuteil werden. Luther würde uns fragen, was es denn nütze, daß wir uns goldene Kreuzchen an goldenen Kettchen um den Hals hängen, wenn wir an unserem eigenen Leib die Zeichen des Leidens Christi nicht mit Freuden tragen?`` Warum aber macht ein Reformator das gerade an Maria deutlich? Die Heilige Schrift gibt es vor. Der Ort ist die Menschwerdung des göttlichen Sohnes, und an diesem Ort finden wir auf der Seite des Menschen die Jungfrau Maria. Der Glaube sieht Maria als die Schwester, die bei uns hier unten steht. Sie ist also nicht als Königin über uns zu suchen, sondern als Magd in unserer Mitte. Wenn Gott auf Marias Niedrigkeit voller Gnade herabgeschaut hat, dann wird er auch uns in unserer Armut neben Maria erkennen. Luther wendet sich wieder direkt an die Jungfrau: ''O du selige Jungfrau und Muttergottes, welch großen Trost hat uns Gott in dir gezeigt! Er hat deine Unwürdigkeit und Niedrigkeit so gnädig angesehen. Dadurch zeigt er uns, daß er auch uns arme, niedrige Menschen nach deinem Beispiel nicht verachten und gnädig auf uns herabschauen wird.`` Am Beispiel der Gottesmutter versichert sich also unser Glaube. Auch als Gottesmutter und Himmelskönigin - denn als Muttergottes ist sie Königin - bleibt Maria die niedrige Magd. Wie sollte es denn anders sein, wenn wir auf Jesus selbst blicken, der seinen Jüngern die Füße wäscht und sein Erdenleben als Knechtsdienst an den Menschen beschreibt? Gerade deshalb kann Maria scheinbar so selbstbewußt behaupten, daß alle Geschlechter sie preisen werden, weil sie eben nicht auf ihr Verdienst schaut, sondern auf die Größe Gottes, der sich zu ihr herabgeneigt hat. Sie befindet sich so tief unten, daß der Grund für ihre Größe nur der allmächtige Gott selbst sein kann. Das Fundament ihres Selbstbewußtseins ist wahre Demut. Und diese Demut ist die Demut echten Glaubens. Die Heimlichkeit Gottes im Schoße Marias D er Reformator staunt über das Geheimnis, wie tief Gott in unsere Natur eingedrungen und wie nah er uns dadurch gekommen ist, daß Christus von der Jungfrau Maria wirklich geboren wird, ihr im Schoße sitzt und an ihrer Brust liegt. Mit unseren höchsten Verdiensten hätten wir Christus nicht so tief in unser Fleisch ziehen können. Nun müssen wir den uns so nahen Christus auch ergreifen. Es genügt nicht, daß der Sohn Gottes als wahrer Mensch geboren wird, wenn wir nicht in Ihm und mit Ihm geboren werden. Seine Geburt aus Maria setzt sich in unserer Neugeburt fort, ja kommt in ihr zum Ziel. Wir können auch so sagen: Die Geburt Christi wird in unserer Neugeburt aus Wasser und Geist erst vollendet. Die Verbindung zwischen Christus und uns ist so eng zu verstehen, daß Luther von einem jeden Christen sagen kann, ''daß er so wie Christus leiblich von Maria geboren wird``. Wer daran zweifelt, der ist überhaupt kein Christ. Der Reformator fordert uns auf, ''mit Christus zu tauschen``, die eigene Geburt loszulassen und in die Geburt Christi hineinzuschlüpfen. Wenn du das im Glauben vollziehst, dann ''sitzt du der Jungfrau Maria im Schoß und bist ihr liebes Kind``. Luther meint das nicht nur als eine schöne bildliche Rede, sondern versteht es als geistliche Wirklichkeit, wie eben auch die Worte Jesu von der neuen Geburt aus Wasser und Geist nicht nur ein Bild, sondern die Realität der Gnade aussagen. Dieser ''fröhliche Tausch`` aber geschieht durch den Glauben. Jeder Christ ist in Wirklichkeit und nicht nur symbolisch Marias Kind, weil er mit Christus durch das Band des Glaubens ein Fleisch geworden ist. Nur wer also Marias leibliches Kind ist, darf von sich sagen, daß er in Christus lebt. Unser Glaube muß sich nach dem Glauben Marias gestalten, denn dieser wird ja durch das Zeugnis des Heiligen Geistes aus dem Munde Elisabeths selig gepriesen. Die neue Geburt kann nur diesen Glauben bedeuten, und sie geschieht aus unserem ''Nichts``. Unser Ort ist ganz unten, wohin sich die Allmacht Gottes herabneigt. Wir dürfen uns auf keinen Fall zu der Behauptung hinreißen lassen, das seien allenfalls spielerische Gedanken Luthers aus seiner frühen Zeit. Sie sind ernst gemeint. Allerdings trägt Maria von sich aus nichts zu der Herabneigung Gottes bei, es sei denn, daß ihre Niedrigkeit und Not ihn herabzieht. Sie selbst preist ihn ja im Magnifikat als denjenigen, der sich zu ihrer Armut herabsenkt. Sie ist das leere Gefäß, in das er das Geheimnis seiner Gnadengegenwart ausgießt. Maria für den evangelischen Christen A uch der evangelische Christ wird Gottes Herabsteigen in Marias Schoß immer wieder voller Dankbarkeit betrachten und daran seinen Glauben stärken. Es ist festzuhalten, daß die Erniedrigung Jesu nicht erst am Kreuz beginnt, sondern schon in der Niedrigkeit der Magd des Herrn ihren Anfang nimmt. Beginnt der Glaube nicht hier unten, so fehlt ihm die Basis. Rechtfertigender Glaube wird in der Schule Marias, in der Kammer zu Nazareth gelernt. Ebenso erfährt man dort, was wahre christliche Demut ist, nämlich mit Jesus gekreuzigt werden und an seiner Niedrigkeit teilnehmen. Eine Frömmigkeit, die ihr Fundament in der Schrift allein sucht (sola scriptura), darf unmöglich das erste und richtungsweisende Zeugnis des Glaubens übergehen. Tut man das, läuft man Gefahr, den Glauben wieder durch menschliche Leistung zu ersetzen. Bei Maria lernen wir, unser Selbstbewußtsein ausschließlich auf die Tat Gottes zu gründen, meistens gegen alle Vernunft und Erfahrung. Gehen wir nicht in diese Schule, so werden wir allmählich wieder auf unsere eigenen Leistungen und Erfahrungen zurückgeworfen, was ja schließlich auch vernünftig, aber eben gegen allen Glauben ist. ''Christus allein`` ''allein die Heilige Schrift`` Vergleiche Galater 4, 4. Auch von der Menschwerdung Gottes gilt, was Paulus in 1. Korinther 1, 18 über das ''Wort vom Kreuz`` schreibt. Vergleiche 1. Korinther 12, 12-31. Gerade auf sie hat er ja geschaut, wie sie selbst Lukas 1, 48 bekennt. 1. Johannes 2, 1-2. Johannes 14, 16; 15, 26; 16, 7. WA 41, 350-368. WA = Wittenberger Ausgabe der Werke Martin Luthers. Sie wird im Folgenden immer mit der Abkürzung WA zitiert. Lukas 1, 38. Lukas 1, 46-55. Lukas 1, 43. Lukas 1, 45. Lukas 1, 48. WA 12, 457-462. WA 27, 74, 8-16. Jakobus schreibt: ''So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber`` (Jakobus 2, 17). Siehe Anmerkung 6. Unter dem Titel "Das Magnificat verdeutschet und ausgeleget`` (WA 7, 540-603). WA 7, 549. 560-561. Nachmittagspredigt vom 2.7.1535. Zitiert nach D. Martin Luthers Evangelien-Auslegung, herausgegeben v. E. Mühlhaupt. Erster Teil. Die Weihnachts- und Vorgeschichte bei Matthäus und Lukas, Göttingen 51984, 105. Freie Übersetzung nach WA 7, 568. WA 7, 563-564. Nachmittagspredigt vom 2.7.1535. Luther, Evangelien-Auslegungen I, 105. Ebenda 106-107. Frei zitiert. Vergleiche WA 2, 615, 35 ff. Frei nach WA 7, 569. Johannes 13, 1-15; Markus 10, 45; Lukas 22, 27. Lukas 1, 47-49. Vergleiche zu den folgenden Ausführungen: Asendorf, U., Die Theologie Martin Luthers nach seinen Predigten, Göttingen 1988, 88-91. Belegstellen finden sich dort. Vergleiche Johannes 3, 3ff. Ebenda 88. Ebenda 89. Johannes 3, 3 ff.