Kirchenbau - Teil 3:
Die gotische Kathedrale |
Doch was ist anders? Für den bisherigen Kirchbau waren tragende Mauern selbstverständlich. Oder findet ihr es nicht notwendig, daß ein Gebäude Mauern hat, in denen man Türen und Fenster ausspart und auf die man oben das Dach setzen kann? Wenn ihr euch noch einmal die Abteikirche von Maria Laach anschaut, seht ihr, wieviel geschlossenes Mauerwerk diese Kirchenburg hat. Die Fenster in den Wänden beanspruchen nur einen geringen Teil der Fläche. Hätte man in jener Zeit, als die romanischen Kirchen gebaut wurden, den Menschen gesagt, sie möchten die Wände auflösen und anstelle der schweren Mauern lichtdurchlässige gläserne Häute einsetzen, sie hätten spöttisch gelacht und gesagt, so etwas sei unmöglich; man könne doch einen gewaltigen Steinbau nicht auf schwache Stützen stellen.
Genau das aber wird jetzt unternommen. Die gotische Kathedrale ist ein Bau, den nicht mehr Wände, sondern Stützen tragen. Glas statt Mauerwerk. Die Last der steinernen Gewölbe wird ausschließlich von Pfeilern getragen; und damit die Pfeiler unter dem Druck und Seitenschub nicht umfallen, wird ein System stützender Bögen (Strebebögen, Schwibbögen) und außenstehender Pfeiler entwickelt, die den Riesenbau stabil halten.
Das zweite Merkmal, welches die gotische Architektur von der romanischen abhebt, ist die Bedeutung des Lichtes. Dieses Merkmal hängt natürlich mit dem ersten zusammen. Die Gotik entwickelt eine transparente Architektur. Das Bauwerk wird durchsichtig; es spielt mit dem Sonnenlicht. Diese Durchsichtigkeit gilt in mehrfacher Hinsicht: die gotische Kathedrale will nicht allein für das Tageslicht transparent sein, sondern möchte in ihrer Gesamtheit transparent für eine unsichtbare Wirklichkeit sein, für den Himmel, für das göttliche Licht. Erst wenn der Besucher gotischer Dome diese Transparenz sehen lernt, beginnt er, diese neue Kunst zu verstehen.
Begreift darum dieses Kapitel als eine weitere ,,Sehschule''. Wenn es euch anregen kann, zu einer gotischen Kathedrale zu reisen, beachtet dort, daß es schwer ist, wirklich zu sehen. Die meisten Besucher an solchen Orten sehen nicht. Um sehen zu können, ist nämlich zweierlei notwendig: erstens Wissen, zweitens innere Bereitschaft.
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Wie bei vielen großen Werken ist das Nicht-Sichtbare
die Voraussetzung des Gelingens. Um ein allmähliches Absacken des
hochstrebenden Bauwerks zu verhindern, waren tiefe, gut gemauerte
Steinfundamente nötig, in moorigem Gelände ein dichter Pfahlrost von
Eichenstämmen für die Türme. Diese Gründung der Kathedralen
trug jahrhundertelang. Erst ein Absinken des Grundwasserspiegels durch moderne
Maßnahmen macht zunehmend aufwendige Stützkonstruktionen notwendig.
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Die HandwerkerAuf dem Bauplatz aber entstand eine kunterbunte Budenstadt. Hunderte von Arbeitern drängten sich hier: Maurer, Steinmetzen, Mörtelmischer, Zimmerleute, Schmiede, Glasbläser ... Damit die Behinderung nicht überhand nahm und auch keine überflüssigen Lasten transportiert wurden, arbeiteten die Steinmetzen bereits neben dem Bruch. Jeder Stein bekam seine Markierung für den künftigen Platz am Bau. Die Hütten der Bildhauer aber waren auf dem Baugelände. Wenn das Figurenprogramm für eine Kathedrale rund 2000 Plastiken umfaßte (in Reims sind es 2300), wieviele Steinmetzen mußten dann an der Arbeit sein? In Rouen haben an den 34 großen Statuen des Portals 15 Steinmetzen mit ihren Gehilfen 15 Jahre gearbeitet. Zu welchen Zahlen mag da eine Hochrechnung führen? Über die Figuren hinaus ist zudem jeder Stein an der Kathedrale mit Hammer und Meißel behandelt: die Blöcke für Pfeiler und Säulen, Rippen und Schlußsteine, das Maßwerk der Fenster - ein handwerklicher Masseneinsatz, der für heute unvorstellbar wäre.Neben hochwertigem Steinmaterial brauchte man für den Bau ganze Wälder von Holz für den Gerüstbau, für Leitern, Lastenaufzüge, Dächer, Buden und Lagerschuppen. Die riesigen Dachstühle über Chor und Mittelschiff nannten die Franzosen bezeichnenderweise forets, Wälder.
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Straßburger Kathedrale (1200-1276): Westfassade mit Fensterrose nach
dem Entwurf des Meisters Erwin von Steinbach.
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Die Arbeit an der Kathedrale verlangte höchste Genauigkeit und Könnerschaft. Je höher das Bauwerk wuchs, um so gefährlicher wurde sie. Mit primitiven Aufzügen, großen Treträdern, in denen mehrere Männer liefen, wurden die Lasten hochgehoben. Die Einwölbung von Chor und Mittelschiff war eine halsbrecherische Arbeit. Sie ging unter dem Schutz des bereits errichteten Daches in Höhen von 30 oder gar 40 m vor sich.
Beginn des Dachbaus.
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Anbringen der Gerüste für die Gewölberippen, auf denen die Gewölbeschale ruht.
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Das Tretrad als Aufzug für schwere Lasten wird hinaufgezogen.
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Die Einwölbung wird von Joch zu Joch unter Verschiebung des Gerüstes vorgenommen.
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Der mittelalterliche Mensch hat viel über Zahlen nachgedacht. Die ersten Zahlen der Zahlenreihe sind für ihn die größten und inhaltsschwersten, die späteren Zahlen Kombinationen und Summierungen der ersten Zahlen; meist deckt die Quersumme oder ihre Wurzel deren Geheimnis auf. Für den heutigen Menschen ist diese Einstellung zur Zahl verlorengegangen. Es ist aber wichtig zu wissen, daß die Maße der Kathedralen wie die Gesetze der Musik einer Harmonie entsprechen, für die Zahlenordnungen den Schlüssel bieten. Darum sagte man, die Kathedrale sei ,,gebaute Musik'', und Goethe meinte: ,,Ich glaube gar, der ganze Tempel singt''.
Konstruktion und Aufbau einer Fiale aus Mathäus Roriczers "Büchlein von der Fialen Gerechtigkeit", 1486
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Joch der Kathedrale von Reims von außen (links) und von innen (rechts) aus dem "Bauhüttenbuch" des Villard de Honnecourt.
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Kölner Dom: Außenansicht
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In Straßburg wächst über die Plattform des Nordturmes ein achteckiger Turmaufbau (Oktogon) hinaus, der mit der abschließenden pyramidenförmigen Turmbekrönung in 142 m Höhe die Stadt überragt. Mit dieser Höhe war der Straßburger Münsterturm 1439 der höchste der ganzen Christenheit. Aber der Ehrgeiz anderer Städte ging noch höher hinaus. Die Marienkirche in Stralsund bekam 1478 einen Turm von 151 m, und 1569 baute man in Beauvais den Vierungsturm der Kathedrale 153 m hoch. Aber das war zuviel. Schon vier Jahre später stürzte der Turm von Beauvais ein, 1647 brannte der Stralsunder Turm ab, und so blieb bis ins 19. Jahrhundert der Münsterturm zu Straßburg der höchste Kirchturm der Welt. Diesen Rekord wollten die Ulmer nicht stehen lassen. Sie beauftragten den berühmtesten Baumeister jener Zeit, Ulrich von Ensingen, ihnen ein Münster zu bauen, so groß, ,,daß es dem Straßburger Münster als Futteral dienen könne''. Allerdings blieb ihr Turm für Jahrhunderte auf halber Höhe stecken. Erst im 19. Jahrhundert ist er mit 162 m Höhe vollendet worden.
Man baute die Türme also nicht nur zur Ehre Gottes, sondern auch zum Ruhm der eigenen Stadt. Die Anstrengungen der Städte und ihre Konkurrenz untereinander lassen an die Geschichte vom Turmbau zu Babel denken.
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Für den schönsten Turm der Christenheit halten viele den Turm des
Freiburger Münsters. Der quadratisch begonnene Unterbau geht in der
mittleren Partie in eine achteckige Form (Oktogon) über. Acht ist die Zahl
der Ruhe, einer in sich ruhenden Harmonie, darum auch die Zahl des Heiles und
der künftigen Herrlichkeit. Vier heißt die Zahl der Welt; es ist die
Zahl der vier Winde, der vier Himmelsrichtungen, der rechtwinkligen
(quadratischen) Ordnung. Für die Bettelorden und die christliche Armutsbewegung waren die neuen Türme überflüssig. Man sah sie als Ärgernis eines ungerechten städtischen Wohlstands. Im Bauernkrieg von 1525 wollte man darum den Freiburger Münsterturm zusammenschießen. Und in Münster in Westfalen wurden 1534 tatsächlich die Kirchturmhelme gekappt, ,,weil das Hohe erniedrigt und das Niedrige erhöht werden müsse'' (Lk 1,52). In Freiburg aber fand der Turm durch alle Kriege hindurch den Schutz der Angreifer. Nach dem Bombenangriff, der 1944 die ganze Innenstadt in Schutt und Asche legte, blieb er allein aufrecht. Ein Freiburger erzählt: ,,Als ich aus dem Keller hervorgekrochen war, galt der erste Blick dem Münsterturm. 'Er steht, die Stadt ist nicht verloren!', sagte mein Vater neben mir.''
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Friedrich Eidner, Freiburger Münster mit Fischbrunnen, 1864
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Nicht alle Portale dienten der gleichen Nutzung. Sie waren ja mehr als nur ,,Eingänge''. Zusammen mit den vorgelagerten Plätzen (oder Vorbauten) waren sie Orte für Amtseinführungen, Eidesleistungen, Gerichtssitzungen, Eheschließungen, Begrüßungen oder geistliche Spiele. Bei großen Kathedralen verteilten sich diese Aufgaben auf einzelne Portale. So gab es ein besonderes Brautportal oder ein eigenes Gerichtsportal. Das Figuren- und Bildprogramm eines Portals war auf dessen jeweilige Nutzung ausgerichtet. Um das Bildprogramm aller Portale einer Kathedrale zu lesen, bedarf es langer geduldiger Betrachtung.
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Kathedrale von Reims, Innenfassade
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Kölner Dom: Grundriß
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Kölner Dom: Blick in den Chor
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Glas war im Mittelalter ein kostbares Material, beinahe ,,körperlos'', weil die Sonne es durchdringen kann, so wie das göttliche Licht den Menschen innerlich erleuchtet. ,,Das Licht, welches das Glas durchdringt, ohne es zu zerbrechen, gleicht dem Wort Gottes, dem Licht des Vaters'', hieß es. Gelesen werden die hohen Fenster in ihren Bildfolgen von unten nach oben. Der Betrachter braucht eine gute Bibelkenntnis, wenn er Szene um Szene erkennen will.
Die großen Fensterprogramme findet man in Chartres und Reims. Auch in Köln und Straßburg ist noch etwas vom Geheimnis des ursprünglichen Lichts zu spüren, in das die alten Kathedralen getaucht sind: rubinrot, saphirblau, smaragdgrün, amethystfarben und goldschimmernd. Durch Kriege und andere Schäden sind viele Glasfenster zerstört worden. Spätere Zeiten haben hellere Fenster eingesetzt, die dem Inneren der Kathedrale oft einen veränderten Charakter geben. In Chartres sind an den Hochfenstern noch über 2000 qm farbig leuchtende Fläche erhalten geblieben; das ist nahezu die halbe Größe eines Fußballfeldes.
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Die FensterroseDie Fenster über den Portalen nach Süden, Westen und Norden wachsen nicht mehr von unten nach oben; es sind Räder, eine Strahlensonne, eine Rose. Wie Blüten schimmern und leuchten diese Rundformen, die ganz in sich ruhen - wie Gott. Von der Mitte geht alle Bewegung aus. In der Mitte treffen sich die Speichen des Rades. Die Fensterrose läßt sich meditieren: Außen und Innen, Peripherie und Zentrum, Ruhe und Bewegung halten einander. Für jeden Menschen geht es darum, seine Mitte zu finden. Was ist diese Mitte? Mit wem teilt er sie?Am häufigsten begegnet die Fensterrose an der Westfront. Die Strahlen der sinkenden, sterbenden Sonne bringen bei ihrem Scheiden das Lichtrad zu höchster Strahlkraft. Wenn das Leben sinkt, wenn Abend und Tod nahen, verheißt die erblühende Wunderblume göttlichen Glanz.
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Kathedrale von Amiens, Segnender Christus
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